ISSN 1613-8856

Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB)

Ähnlich, aber anders

2013 | Jahrgang 10 | 1. Quartal

Keywords: Familienforschung, Ost/West-Deutschland, Konvergenz, Divergenz, Hybridisierung

Mitautor der wissenschaftlichen Studie: Norbert F. Schneider

Ähnlich oder anders? Hinter den beiden konkurrierenden Ansichten zur Entwicklung von Ost- und Westdeutschland stehen im Wesentlichen zwei verschiedene Erklärungsmodelle. Wird davon ausgegangen, dass die Kultur im Vergleich zur ökonomischen Entwicklung und Struktur eines Landes eine untergeordnete Rolle spielt, so müsste sich Ostdeutschland mit der Einführung der Marktwirtschaft und der Übernahme der bundesdeutschen Rechtsstrukturen an den Westen anpassen. Vergleiche zwischen West- und Ostdeutschland wären damit früher oder später überflüssig. Die Gegenthese besagt indes, dass solche Angliederungsprozesse höchstens sehr oberflächlich verlaufen und kulturelle sowie regionale Eigenheiten erhalten bleiben bzw. sich verfestigen. Dementsprechend vermuten die Vertreter dieser These, dass die Unterschiede zwischen Ost und West bestehen bleiben oder in manchen Bereichen sogar noch größer werden.   

Tatsächlich lassen sich für beide Thesen zahlreiche Belege finden. In der demografischen Forschung etwa wurde die Erwerbstätigkeit von Müttern oft als Beispiel für einen relativ ausgeprägten andauernden Unterschied zwischen Ost und West angeführt (s. Abb.1). Das Alter von Frauen bei der Geburt des ersten Kindes dagegen ist nach der Wende auch im Osten stark angestiegen und wird gerne als Beispiel für Angleichungsprozesse genommen. 

Abb. 1: Erwerbsstatus von Frauen mit Kindern unter 18 Jahren (in Prozent). Quelle: Geisler, Esther: Müttererwerbstätigkeit. In: Familie und Partnerschaft in Ost- und Westdeutschland: Ergebnisse im Rahmen des Projektes „Demographic differences in life course dynamics in Eastern and Western Germany“, J.R. Goldstein, M. Kreyenfeld, J. Huinink, D. Konietzka und H. Trappe (Hrsg.). Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock 2010, 11-12.

Dabei werde aber häufig eine recht willkürliche Interpretation von Konvergenz und Divergenz, also der Angleichung und dem Auseinanderdriften von Merkmalen, verwendet, argumentiert Schneider. Es fehle ein Maßstab für die genaue Bestimmung der Gleichheit bzw. Andersartigkeit. 

Wer etwa die Entwicklung des Erwerbsstatus von Frauen mit Kindern unter 18 Jahren betrachtet (s. Abb. 1), kann natürlich den Schluss ziehen, dass es erhebliche Unterschiede in Ost und West gibt. Gleichzeitig ließe sich aber auch argumentieren, dass diese Unterschiede seit 1991viel kleiner geworden sind. Um in solchen Fällen auf eine objektive Messgröße zugreifen zu können, schlagen Norbert F. Schneider und seine Kollegen die Verwendung des so genannten Dissimilaritätsindex vor. Bei einem Vergleich zweier Regionen zeigt dieser an, wie viel Prozent der Bevölkerung umziehen müsste, damit beide Gebiete in Bezug auf die untersuchte Kategorie homogen wären. Anhand eines solchen Index schließlich lässt sich ablesen, ob die Bevölkerung zweier Regionen über einen bestimmten Zeitraum divergiert oder konvergiert. 

Abb. 2: Wie stark unterscheiden sich die Erwerbsformen west- und ostdeutscher Müttern im Alter von 18 bis 50 (ohne Berlin)? Im Jahr 1996 hätten noch die Hälfte der Mütter in das jeweils andere Bundesgebiet umziehen müssen, um eine gleichmäßige Verteilung der Erwerbsformen zu erreichen. Quelle: Statistisches Bundesamt, Mikrozensen 1996 bis 2009, eigene Berechnungen.

Für die Erwerbstätigkeit von Müttern zeigt sich dabei folgendes Bild (s. Abb.2): 1996 hätte noch etwa die Hälfte der Bevölkerung in Ost und West umziehen müssen, um bei Vollzeit arbeitenden, Teilzeit arbeitenden und nicht erwerbstätigen Müttern sowie Müttern, die dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen, eine gleiche Verteilung zu erreichen. 14 Jahre später ist dieser Dissimilaritätsindex auf gut 30 Prozent gesunken. Ost und West haben sich im Hinblick auf die Müttererwerbstätigkeit also angenähert. 

Anders sieht das bei den unterschiedlichen Lebensformen aus. Diese waren häufig Gegenstand von Ost-West-Vergleichen, weil die Ehe im Westen stärker verbreitet ist und stärker mit der Familiengründung korreliert als im Osten. Wie viele Ehepaare mit und ohne Kinder gibt es? Wie viele unverheiratete Paare mit und ohne Kinder? Wie viele Alleinerziehende und Singles? Legt man diese sechs wichtigsten Lebensformen zu Grunde, so zeigt sich, dass im Jahr 1996 rund vier Prozent der Bevölkerungen in Ost und West hätte umziehen müssen, um eine gleiche Verteilung zu erreichen (s. Abb. 3). Im Jahr 2010 ist dieser Wert auf knapp acht Prozent gestiegen.  

Abb. 3: Der hier dargestellte Dissimilaritätsindex zeigt an, wie viel Prozent der Bevölkerung umziehen müsste, um eine gleichmäßige Verteilung der Lebensformen in Ost- und Westdeutschland zu erreichen. Als Kategorien berücksichtigt wurden Ehepaare und unverheiratete Paare mit ledigen Kindern, Ehepaare und unverheiratete Paare ohne Kinder sowie Alleinerziehende und Singles. Quelle: Statistisches Bundesamt 2011b, Mikrozensen 1996 bis 2010, eigene Berechnungen. 

Teilweise wachsen die Unterschiede zwischen den Familien in Ost- und Westdeutschland also, teilweise gleichen sich die Lebensweisen einander an. In der Folge wurde je nach Forschungsbeitrag zwar häufig noch von Divergenz oder Konvergenz gesprochen, stets aber verbunden mit der Einräumung, dass es sich um ein „uneinheitliches“ Bild, ein Bild mit Widersprüchen handele.   

Tatsächlich, so Norbert F. Schneider und seine Kollegen, lasse sich weder von einer konvergierenden noch von einer divergierenden Entwicklung sprechen. Stattdessen fasst er beides als „Hybridisierung“ zusammen. Im Gegensatz zu den Konzepten von Konvergenz und Divergenz, geht er davon aus, dass verschiedene Einflüsse unterschiedlich stark aufgenommen werden. Dabei entsteht ein asymmetrisches Bild, wie es sich auch beispielhaft in den untersuchten Kategorien zeigt: Während sich das Alter der Mütter, die ihr erstes Kind zur Welt bringen, in Ost und West angeglichen hat, unterscheiden sich die Lebensformen in beiden Teilen Deutschlands stärker als noch vor zwei Jahrzehnten. Auch bei der Erwerbstätigkeit von Müttern gibt es noch erhebliche Unterschiede von Ost und West, obwohl eine Annäherung hier stattgefunden hat. Und zwar eine Annäherung des Ostens an den Westen, was sich unter anderem durch die Verringerung der Vollzeittätigkeit in Ostdeutschland zeigt. In beiden Regionen ist indes die Teilzeittätigkeit gestiegen. 

Unterschiede bestehen also nach wie vor, allerdings sind sie wesentlich komplexer als anfangs angenommen. Dennoch oder gerade deswegen, so Schneider, seien Vergleiche auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung noch sinnvoll. Wenn sie sich auf solide Daten stützen und mehrere wichtige Indikatoren zusammentragen, können sie wertvolle Einsichten für die Familienforschung sowie die Familienpolitik geben. 

Dabei gelte es aber die Schwächen und möglichen Probleme bei Vergleichen zu berücksichtigen. Zum einen müssten Merkmale, wie zum Beispiel unterschiedliche Bildungsabschlüsse so kategorisiert werden, dass sie ohne zu große Verzerrungen miteinander vergleichbar sind. Zum anderen sollten über die zwei Untersuchungsgebiete hinaus weitere regionale Differenzierungen möglich sein. Wie wichtig dies sein kann, zeigt sich auch bei Vergleichen von Ost- und Westdeutschland. Die Zuordnung Berlins zum einen oder anderen Teil des Landes etwa hat oft entscheidende Auswirkungen auf das Ergebnis des Vergleichs und muss ebenso wie ein kompletter Ausschluss der Hauptstadt gut begründet sein. Auch die in einigen Regionen stark veränderte Zusammensetzung der Einwohnerschaft durch Ab- und Zuwanderung sollte nicht ohne Beachtung bleiben. Schließlich ist die Bevölkerung in einigen Regionen Ostdeutschlands durch hohe Abwanderungsraten beschleunigt geschrumpft und gealtert. Solche zusätzlichen Differenzierungen machen die Analysen komplexer und aufwändiger, verbessern die Vergleiche aber erheblich und liefern so eine wertvolle Grundlage für Handlungsempfehlungen.

Literatur

  • Schneider, N.F., R. Naderi und S. Ruppenthal: Familie in Deutschland nach dem gesellschaftlichen Umbruch. Sind Ost-West-Differenzierungen in der Familienforschung zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung noch sinnvoll? Huinink, Johannes; Kreyenfeld, Michaela; Trappe, Heike (Hrsg.): Familie und Partnerschaft in Ost- und Westdeutschland. Ähnlich und doch immer noch anders. Zeitschrift für Familienforschung, Sonderheft 9/2012: 29-53.

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Aus Ausgabe 2013/1

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