Dass der Wechsel vom Bürostuhl auf den heimischen Sessel nicht immer ganz leicht ist, weiß man aus zahlreichen Studien. Wo gerade noch eine 40-Stunden-Woche war, herrscht plötzlich Leere. Die neu hinzugewonnene Zeit wieder mit sinnvollen Tätigkeiten zu füllen, gelingt allerdings sehr vielen Rentnerinnen und Rentnern. Ein Großteil sucht sich neue Beschäftigungen – auf dem Arbeitsmarkt, in der Zivilgesellschaft oder der eigenen Familie. So haben sich in den letzten Jahren unterschiedliche Aktivitätsmuster bei den Rentnern herausgebildet, schreiben Andreas Mergenthaler und Ines Sackreuther vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden sowie Ursula Staudinger von der Columbia University in New York in einer neuen Studie.
Die drei Wissenschaftler werteten die Angaben von über 2000 Befragten im Alter von 60 bis 70 Jahren aus, die diese im Rahmen der TOP-Studie (Transitions and Old Age Potential) im Jahr 2013 gemacht hatten. Dabei wurde erfasst, wie viele Stunden die Befragten erwerbstätig sind und wie häufig und in welcher Form sie sich um Angehörige oder Mitmenschen außerhalb der Familie kümmern. Fast alle Befragten ließen sich dabei einer der vier Gruppen zuordnen (vgl. Abb.1):
Abb. 1: Je nachdem, ob und in welchem Umfang die Befragten erwerbstätig beziehungsweise ehrenamtlich oder als Familienhelfer tätig waren, konnten sie in vier verschiedene Gruppen eingeteilt werden. Quelle: Studie „Transitions and Old Age Potential” (TOP) 2013; gewichtete Daten.
1. die mehrfach Aktiven, die alle eine Erwerbstätigkeit ausüben und darüber hinaus oft noch ehrenamtlich oder in der Familie aktiv sind (10,4% der Befragten)
2. die Ehrenamtlichen, die sich sehr regelmäßig gesellschaftlich engagieren (23 %)
3. die Familienhelfer, die sich meist ebenfalls regelmäßig um Angehörige kümmern (26,1%)
4. die wenig Aktiven, die teilweise erwerbstätig oder gesellschaftlich engagiert sind, aber überhaupt nicht als Familienhelfer in Erscheinung treten (40,5 %).
Die drei Wissenschaftler gingen in ihrer Studie nun der Frage nach, ob bestimmte Aktivitäten sich eher ergänzen, weil es besonders engagierte Menschen gibt, oder ob sie sich aufgrund eines begrenzten Zeitkontingents eher gegenseitig ausschließen. Hier lässt sich jedoch kein eindeutiger Trend feststellen. Während in bestimmten Gruppen mehrere Aktivitäten durchaus häufig sind, werden zum Beispiel eine Erwerbstätigkeit und ein Ehrenamt eher selten kombiniert.
Auch ein starker Zusammenhang zwischen wirtschaftlichen, gesundheitlichen oder individuellen Ressourcen und einer Gruppenzugehörigkeit zeigt sich nur in geringem Maße. Auffällig ist hier lediglich eine Untergruppe bei den wenig Aktiven: Denn in dieser Gruppe waren knapp 40 Prozent weder erwerbstätig noch in irgendeiner Weise in Ehrenamt oder Familie engagiert. Verglichen mit dem Durchschnitt haben diese Menschen ein eher geringes Einkommen und eine eher niedrige Bildungsstufe. Zudem bewerten sie ihre Gesundheit schlechter als andere.
Eine wesentlich größere Rolle spielen bei der Gruppenzugehörigkeit allerdings persönliche Faktoren wie das Alter, das Geschlecht, die Bildung oder die Familiensituation. So helfen Frauen ebenso wie ältere Menschen eher in der Familie aus und waren seltener erwerbstätig. Haben die Befragten Enkelkinder, so steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie zur Gruppe der mehrfach Aktiven oder der Familienhelfer gehören. Ostdeutsche Rentner gehören eher zu den Familienhelfern, während ein ehrenamtliches Engagement unwahrscheinlicher als bei westdeutschen Befragten ist. Ein niedriges Bildungsniveau ist vor allem in der Gruppe der wenig Aktiven zu finden, während es bei den Ehrenamtlichen oder den Familienhelfern eher selten ist. Insgesamt, so die Forscher, zeigte sich ein recht hohes Niveau an Aktivitäten der 60- bis 70-jährigen Rentnerinnen und Rentner. Vor allem die mehrfach Aktiven und die Ehrenamtlichen sowie jüngere Rentner sind sehr aktiv und produktiv – ein gesellschaftlicher Faktor, der nicht unterschätzt werden sollte.
