Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB)

Kita hilft Müttern bei der Integration

2026 | Jahrgang 23 | 2. Quartal

Keywords: Deutschland, Flüchtlinge, Integration, Kinderbetreuung, Wohlbefinden

Wissenschaftliche Ansprechpartnerin: Sophia Schmitz

Laut dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen sind seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine im März 2022 5,9 Millionen Ukrainer*innen weltweit auf der Flucht. 1,3 Millionen haben Zuflucht in Deutschland gesucht. Unter den Erwachsenen, die in den ersten Monaten nach Kriegsbeginn ankamen, waren 80 % Frauen, von denen 47 % mit Kindern reisten. Ukrainer*innen, die nach Deutschland einreisten, erhielten – wie in allen anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union – umgehend eine befristete Aufenthaltserlaubnis, die das Asylverfahren ersetzte. Die ursprüngliche Erlaubnis war bis März 2023 gültig und wurde anschließend verlängert. 

Sophia Schmitz vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung hat sich gemeinsam mit Kolleg*innen mit der Frage beschäftigt, welche Rolle die Verfügbarkeit von Kitaplätzen für die Integration von ukrainischen Müttern spielt. Anlass für diese Untersuchung waren unter anderem aktuelle Forschungsergebnisse, die gezeigt haben, dass geflüchtete Frauen meist schlechter gestellt sind als geflüchtete Männer und andere migrantische Frauen Eine Betreuung in einer Kita stelle für diese Frauen eine wichtige Ressource in mehrfacher Hinsicht dar, so die Forscherin: Die Entwicklung der Kinder werde gefördert. Eltern könnten nur so Erwerbs- und Familienarbeit vereinen. In Kindertagesstätten würden sich Familien mit kleinen Kindern kennenlernen. Damit sind sie Orte, an denen die Integration geflüchteter Mütter gefördert wird. Für die Analyse nutzten die Forschenden Daten der sogenannten IAB-BiB/FRe-DA-BAMF-SOEP-Studie „Geflüchtete aus der Ukraine in Deutschland“, eine repräsentative Befragung, die unter in Deutschland lebenden ukrainischen Geflüchteten durchgeführt wird. Für die erste Welle der Befragung wurden alle ukrainischen Geflüchteten, die zwischen Februar und Juni 2022 in Deutschland ankamen, per Briefpost angeschrieben. Über 10.000 Menschen haben an der ersten Befragung teilgenommen. 

Welche Rolle spielt die Kita für die Integration der ukrainischen Mütter?

Welche Rolle spielt die Kita für die Integration der ukrainischen Mütter?

Abb. 1: Untersucht wurden drei Ebenen (wirtschaftliche Integration, soziale Integration, Wohlbefinden) der Integration von ukrainischen Müttern, deren Kinder eine Kita besuchen, im Vergleich zu ukrainischen Müttern, deren Kinder keine Kita besuchen. Die Zeit, die mit Deutschen verbracht wird, wird auf einer Skala von 1 (niemals) bis 6 (täglich) gemessen. Alle übrigen Variablen sind binär und die Effekte damit als Anstiege in Prozentpunkten zu interpretieren. Quelle: IAB-BiB/FReDA-BAMF-SOEP-Studie „Geflüchtete aus der Ukraine in Deutschland“, eigene Berechnungen

Die Forschenden fanden heraus, dass Mütter sich wirtschaftlich und sozial besser integrieren, wenn die Kinder in einer Kita betreut werden. Sie stellten fest, dass die Mütter derjenigen Kinder, die eine Kita besuchen, deutlich häufiger an Integrations- und Sprachangeboten teilnehmen und häufiger einer Erwerbsarbeit nachgehen als Mütter, deren Kinder keine Kita besuchen. Diese Ergebnisse stützen die Annahme, dass die Verfügbarkeit von Kitaplätzen für Mütter unerlässlich ist, um an Aus- und Weiterbildungen sowie am Arbeitsmarkt teilzunehmen, so die Forscher*innen. Da mehr als zwei Drittel der befragten Mütter ohne die Großeltern ihrer Kinder nach Deutschland gekommen waren und Geflüchtete häufig von ihren Familien getrennt sind, können sie sich insbesondere nach ihrer Ankunft nicht auf große Unterstützungsnetzwerke verlassen. Vor diesem Hintergrund spielt die Verfügbarkeit von Kitaplätzen eine besonders wichtige Rolle. Die Erkenntnis, dass fehlende Kinderbetreuung ein potenzielles Hindernis für Beschäftigung und Ausbildung darstellt, ist nicht neu. Ihre Ergebnisse widerlegten jedoch die Annahme, dass Geflüchtete aufgrund von Misstrauen oder fehlenden Anreizen möglicherweise nicht bereit seien, Kinderbetreuungsangebote in Anspruch zu nehmen, schreiben die Wissenschaftler*innen. Das Gegenteil sei der Fall: Mit der Analyse konnten sie belegen, dass aus der Ukraine geflüchtete Familien durchaus bereit sind, öffentlich finanzierte Kinderbetreuungsplätze zu nutzen – sofern diese verfügbar sind. Die Hindernisse für die Inanspruchnahme scheinen daher weniger auf Familien- oder Einrichtungsebene zu liegen, sondern vielmehr auf Systemebene. Vielerorts gibt es zu wenig Betreuungsplätze. In dieser Konkurrenzsituation falle es Neuankömmlingen deutlich schwerer, einen Platz zu bekommen. Die Forschenden konnten außerdem zeigen, dass Kinderbetreuung Müttern helfen kann, ihre Deutschkenntnisse zu verbessern und Kontakte zu Deutschen zu knüpfen. Kitas können also Brücken zwischen unterschiedlichen Gruppen in der Gesellschaft herstellen. Entscheidend hierbei sei aber, dass sie ausreichend inklusiv für Neuankömmlinge sind und die Bedürfnisse diverser Familien und Familienkonstellationen berücksichtigen. 

Die Forscher*innen haben auch untersucht, ob die Betreuung der Kinder in einer Kita sich positiv auf die Lebenszufriedenheit der geflüchteten Mütter auswirkt. Dies ist nicht der Fall. Ukrainische Mütter berichteten von einem geringeren Wohlbefinden als die deutsche Allgemeinbevölkerung. Sie fühlen sich jedoch deutlich mehr willkommen in Deutschland als ukrainische Mütter, deren Kinder nicht in einer Kita betreut werden. Das geringe Wohlbefinden stimmt mit Befunden überein, dass Flucht und Vertreibung langfristige psychische Belastungen verursachen. Deswegen sei es wichtig, ein Augenmerk auf die psychosozialen Unterstützungsangebote für geflüchtete Menschen zu richten und zu prüfen, ob diese ausreichend seien, so Studienautorin Sophia Schmitz.

Literatur

  • Gambaro, L., S. Schmitz, M. Huebener and C.K. Spieß: Overlooked potential? Childcare services and Ukrainian refugee mothers in Germany. [Preprint, last edited: 29 January 2026, wird publiziert in Demography]. SocArXiv Gfht5_v1.
    DOI: 10.31235/osf.io/gfht5_v1

Titelseite dieser Ausgabe

Aus Ausgabe 2026/2

Artikel

Infoletter

Der kostenlose Infoletter erscheint viermal jährlich und ist sowohl als elektronische wie auch als Druckversion erhältlich.