Manchmal ist die Antwort auf eine einfache Frage erstens komplex und zweitens auch noch überraschend. So verhält es sich zum Beispiel mit der Frage: „Wie würde sich die Größe einer schrumpfenden Bevölkerung entwickeln, wenn die Geburtenrate schlagartig auf das Bestandserhaltungsniveau ansteigen würde?“
Das Bestandserhaltungsniveau ist die durchschnittliche Zahl an Kindern pro Frau, die notwendig ist, um die Bevölkerung ohne Zuwanderung langfristig konstant zu halten. In Industrieländern liegt diese Zahl bei 2,1 Kindern. In Deutschland sind wir weit unter dem Bestandserhaltungsniveau – die Geburtenrate liegt derzeit bei 1,35 Kindern pro Frau. In Österreich ist die Rate aktuell noch ein wenig geringer und liegt bei 1,31 Kindern pro Frau.
Die überraschende Antwort auf die Eingangsfrage lautet: Die Bevölkerung schrumpft erst einmal weiter. Dieses Ausmaß an fortgesetztem Bevölkerungsrückgang nach einem plötzlichen Fallen der Geburtenrate auf das Bestandserhaltungsniveau wird als „Bevölkerungsmomentum“ (population momentum) bezeichnet, ein Begriff, der sich mit „Bevölkerungsschwung“ umschreiben lässt. Das Bevölkerungsmomentum ist definiert als das Verhältnis der sich letztendlich einstellenden konstanten Bevölkerungsgröße zur Populationsgröße zu Beginn. Es ist ein „Nachlaufeffekt“, der maßgeblich von der Altersstruktur der Bevölkerung abhängt. Der Großteil des Effekts stellt sich in der Realität typischerweise innerhalb von 50–60 Jahren ein. In einer alternden Gesellschaft, in der die Geburtenraten über Jahre hinweg niedrig sind, gibt es weniger Frauen im gebärfähigen Alter und demnach auch weniger Geburten - auch wenn die Geburtenrate gestiegen ist.
Entwicklung des Bevölkerungsmomentums

Abb. 1: Entwicklung des Bevölkerungsmomentums in Deutschland, Österreich und der Welt bis 2100. Als Ausgangsjahr wird 2024 verwendet (=100%). Quelle: eigene Berechnungen (RR), basierend auf den World Population Prospects, 2024 Revision, der Vereinten Nationen.
Den umgekehrten Fall gibt es auch: Wenn die Geburtenrate abrupt sinkt, wächst die Bevölkerung erst einmal weiter, weil viele Frauen sich im oder vor dem gebärfähigen Alter befinden. Dadurch bleibt die absolute Zahl der Geburten hoch, auch wenn die Frauen im Schnitt nur wenige Kinder bekommen. Dieser Zustand kann nach dem Erreichen des Bestandserhaltungsniveaus noch mehrere Jahrzehnte anhalten. Das Phänomen tritt typischerweise in Ländern auf, die einen schnellen Rückgang der Geburtenraten verzeichnen, aber eine junge Altersstruktur besitzen. Es endet, sobald sich die Altersstruktur stabilisiert hat. In den wissenschaftlichen Fokus geriet diese nur auf den ersten Blick überraschende Dynamik Anfang der 1970er-Jahre. Damals beschäftigte die Politik und die Wissenschaft viel mehr als heute die Frage, wie stark die Weltbevölkerung noch wachsen würde. 1972 war der Bericht des Club of Rome „the limits of growth“ erschienen, in dem es darum ging, anhand verschiedener Szenarien aufzuzeigen, wo unsere Wachstumsgrenzen liegen. Die Bevölkerungsentwicklung war eine der Größen, die in dieser Simulation berücksichtigt wurde. Der Demograf Nathan Keyfitz konnte mit seinem Modell damals zeigen, dass die Weltbevölkerung noch lange weiterwachsen würde, selbst wenn man es schaffte, die Geburtenrate von heute auf morgen auf das Bestandserhaltungsniveau herunterzufahren.
Die analytische Gleichung von Keyfitz zur Berechnung des Bevölkerungsmomentums ging davon aus, dass es sich um eine sogenannte stabile Bevölkerung handeln würde. Dies bedeutet, dass über lange Zeit hinweg dieselben Geburten- und Sterberaten vorherrschen, bevor die Geburtenraten auf das Bestandserhaltungsniveau sinken. „Das ist aber in der Realität nie der Fall“, so Roland Rau vom Rostocker Zentrum zur Erforschung des Demografischen Wandels. In einer aktuellen Publikation, die in der Fachzeitschrift „Demographic Research“ erschienen ist, entschied er sich deshalb dafür, mit sogenannten „pseudostabilen Bevölkerungen“ zu arbeiten. Das Konzept der pseudostabilen Bevölkerungen hatte einer der Koautoren des Fachartikels, Gustav Feichtinger vom Vienna Institute of Demography, Ende der 1970er-Jahre entwickelt. Die Idee: Die Sterblichkeit ändert sich weiterhin nicht, die Geburtenraten reduzieren sich jedoch mit konstantem Tempo. Dies konnte in den letzten Jahrzehnten in vielen lateinamerikanischen Ländern beobachtet werden. Der doch eher theoretische wissenschaftliche Artikel erlaube auch Rückschlüsse auf tatsächlich beobachtbare Bevölkerungsdynamiken, so Wissenschaftler Rau. In ihrem Beitrag konnten die Forscher beispielsweise zeigen, dass das Bevölkerungsmomentum unter den „pseudostabilen“ Rahmenbedingungen nie größer sein kann als das Verhältnis von Lebenserwartung zum durchschnittlichen Mütteralter. Wichtiger als die „eleganten mathematischen Formeln“ ist für Rau jedoch die Relevanz des Bevölkerungsmomentums für Politik und Gesellschaft. Es sei natürlich utopisch, davon auszugehen, dass eine Bevölkerung von einem Jahr zum nächsten eine Geburtenrate auf Bestandserhaltungsniveau erreichen könne. „Aber das ist gleichzeitig auch ein großer Vorteil“, so Rau weiter. „Denn das Momentum ist sozusagen ein Best-Case-Szenario. Bei Bevölkerungen unter dem Bestandserhaltungsniveau der Fertilität würde die Bevölkerung noch mindestens um den berechneten Anteil schrumpfen und bei wachsenden Bevölkerungen natürlich genau andersherum.“ Rau betont aber auch, dass Migration in diesen Betrachtungen nicht berücksichtigt wird. Berechnet man das Momentum für die Weltbevölkerung, ist das unproblematisch. Betrachtet man jedoch einzelne Länder, ist die Migration eine wichtige Komponente der Bevölkerungsentwicklung. Damit erlaubt das Bevölkerungsmomentum nur eine Aussage unter der Bedingung, dass es keine Migration gibt.
Wächst oder schrumpft die Bevölkerung?

Abb. 2: Die Grafik zeigt das Bevölkerungsmomentum für die Welt, die verschiedenen Kontinente und ausgewählte Länder. Zugrundegelegt wird das Ausgangsjahr 2024. Der Großteil des Effekts stellt sich in der Realität typischerweise innerhalb von 50 bis 60 Jahren ein. Zu beachten ist, dass diese theoretischen Betrachtungen immer voraussetzen, dass es keine Migration gibt. Quelle: eigene Berechnungen (RR), basierend auf den World Population Prospects, 2024 Revision, der Vereinten Nationen
Um einen Eindruck vom Ausmaß des Bevölkerungsmomentums zu bekommen, hat Rau dieses für „Demografische Forschung aus Erster Hand“ mittels Daten der Vereinten Nationen für Deutschland, Österreich, die Welt (Abb. 1) und viele weitere Länder (Abb. 2) berechnet. Nimmt man 2024 als Ausgangsjahr, würde Deutschland in den nächsten 50 Jahren ungefähr um ein Viertel schrumpfen, Österreich um rund 20 Prozent, wie in Abbildung 1 zu erkennen ist. Bei der Weltbevölkerung verhält es sich genau andersherum. Sie würde noch um etwa 16 Prozent weiterwachsen, selbst wenn ab dem Jahr 2025 das globale Geburtenniveau auf dem Bestandserhaltungsniveau läge. Als Kontinent würde Afrika sogar noch um 48 Prozent weiterwachsen (Abb. 2), während das Momentum in anderen Erdteilen (Asien, Ozeanien, Lateinamerika) weitaus geringer wäre oder sogar zum Schrumpfen führen würde (Europa, Nordamerika), in einzelnen Ländern wie beispielsweise Italien oder Japan sogar noch stärker als in Deutschland oder Österreich.
„Das hat weitreichende Konsequenzen für die Sozialsysteme und die Wirtschaft. Das Problem des Fachkräftemangels zum Beispiel wird uns sicherlich weiter beschäftigen“, so Demograf Rau.
