ISSN 1613-8856

Max-Planck-Institut für demografische Forschung

Wann geht es wirklich in Rente?

2026 | Jahrgang 23 | 2. Quartal

Keywords: Erwartete Erwerbsdauer, Europa, Verlängerung der Erwerbsbiografie, Verlorene Erwerbsjahre

Wissenschaftlicher Ansprechpartner: Jan Einhoff

Der demografische Wandel zwingt zum Umdenken und erfordert neue politischen Maßnahmen. Noch Anfang der 1990er-Jahre wurde in vielen Ländern eine Politik betrieben, die Menschen, insbesondere ältere Arbeitnehmer*innen, aus dem regulären Arbeitsmarkt in den Ruhestand oder in Ersatzleistungen drängte. Daran ist heute nicht mehr zu denken. In den letzten Jahrzehnten hat sich das Blatt komplett gewendet. In allen europäischen Ländern gibt es Reformen, die darauf abzielen, das Erwerbsleben der Bevölkerung zu verlängern, indem man die Erwerbsbeteiligung älterer Arbeitnehmer*innen steigert und das tatsächliche Renteneintrittsalter erhöht. Dafür wurden von Land zu Land unterschiedliche Maßnahmen ergriffen, etwa das Anheben des gesetzlichen Renteneintrittsalters, Anpassungen der Rentenleistungen und der Anspruchsvoraussetzungen sowie strukturelle Veränderungen in den Rentensystemen. 

Der Wissenschaftler Jan Einhoff vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock hat sich mit der Frage beschäftigt, wie man die Fortschritte verschiedener europäischer Länder bei der Erreichung dieses politischen Ziels aufzeigen kann. Für seinen Beitrag, der in der Fachzeitschrift „Demography“ erschienen ist, führte er zwei Datenquellen zusammen. Die eine ist die Europäische Arbeitskräfteerhebung, eine Haushaltsstichprobenerhebung, die in 27 europäischen Staaten Daten zur Beteiligung am Arbeitsmarkt liefert. Die andere ist die Human Mortality Database, eine Datenbank mit Sterberaten für Kohorten, Länder und Geschlechter. Mit diesen Daten war es dem Wissenschaftler möglich, die „Erwerbslebenserwartung“ und die „verlorenen Erwerbsjahre“ zu berechnen. Die „Erwerbslebenserwartung“ ist – angelehnt an die „Lebenserwartung“ – die Anzahl der Jahre, die eine Person voraussichtlich im Erwerbsleben verbleibt. Die „verlorenen Erwerbsjahre“ bezeichnen die Jahre, die aufgrund von vorzeitigem Tod, Behinderung oder Invalidität vor dem regulären Renteneintrittsalter verloren gehen. 

Erwerbslebenserwartung von Männern und Frauen im europäischen Vergleich

Erwerbslebenserwartung von Männern und Frauen im europäischen Vergleich

Abb. 1: Erwerbslebenserwartung (in Jahren) von Männern und Frauen im Alter von 55 bis 64 Jahren in 21 europäischen Ländern. Alle Datenpunkte sind gewichtete Schätzwerte und um die Sterblichkeit bereinigt. Gestrichelte Linien zeigen Hochrechnungen für teilweise beobachtete Kohorten an. Quelle: Europäische Arbeitskräfteerhebungen (EU-LFS), Human Mortality Database, eigene Berechnungen

Eine große Herausforderung für die vergleichende Forschung zur Verlängerung des Erwerbslebens liege, so Jan Einhoff, in der Heterogenität der späten Erwerbslebensläufe. Den Austritt aus dem Arbeitsmarkt müsse man heute als Prozess und nicht als singuläres Ereignis verstehen. Früher ging man in der Regel in einem bestimmten Alter vollständig in den Ruhestand. Heute ist dies nur noch einer von mehreren Ausstiegspfaden: Ältere Menschen können arbeiten, arbeitslos werden und in Teilzeit zurückkehren, während sie eine Teilrente beziehen, bevor sie vollständig aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden. Dies erschwere Untersuchungen zur Verlängerung des Erwerbslebens, die allzu oft auf statischen Konzeptionen und Messungen des Ausscheidens aus dem Arbeitsmarkt basierten, so der Forscher. Für seine Studie hat Jan Einhoff deswegen die Lebensverlaufsperspektive, die die Erwerbsverläufe über die Zeit betrachtet, gewählt. In seinem Beitrag berechnete er die Erwerbslebenserwartung für verschiedene Kohorten von Männern und Frauen im Alter von 55–64 und 65–74 Jahren in 21 europäischen Ländern. Um die Zahlen insbesondere zwischen Männern und Frauen vergleichbar zu machen, rechnete er die Wochenarbeitszeiten der Befragten in Vollzeitäquivalente (die sogenannte arbeitszeitbereinigte Erwerbslebenserwartung) um. Er fand heraus, dass die Erwerbslebenserwartung in fast allen Ländern in Europa angestiegen ist. Dieser Trend sei nicht auf kurzfristige Schwankungen des Arbeitsmarktes zurückzuführen. Die Zuwächse seien strukturell und spiegelten sich in den aufeinanderfolgenden Kohorten wider, so der Forscher. Der Vergleich von Erwerbslebenszeit und verlorenen Erwerbsjahren zeige außerdem, dass Anstiege in der Erwerbslebenszeit hauptsächlich mit einer Abnahme der Lebenszeit im Rentenbezug einhergehen, weniger mit Veränderungen in der Lebenszeit in Arbeitslosigkeit oder Inaktivität. Nur in Griechenland, Portugal und Spanien hat die Erwerbslebensarbeitszeit bei den männlichen Geburtskohorten abgenommen. Grund hierfür ist die Wirtschaftskrise der 2010er-Jahre, von der diese Länder besonders betroffen waren. 

Trotz des allgemeinen Aufwärtstrends gibt es große Unterschiede zwischen den Ländern. An der Spitze stehen Männer der jüngsten Geburtskohorte in Schweden, Dänemark und der Schweiz. Sie haben einen Anstieg der Erwerbslebenserwartung von 7,5 Jahren. Einige Länder in Mittel- und Osteuropa sowie in Süd- und Westeuropa erreichen einen vergleichsweise niedrigeren Anstieg der Erwerbslebensarbeitszeit von weniger als sechs Jahren für Männer und weniger als fünf Jahren für Frauen. Die niedrigsten Steigerungen der Erwerbslebenserwartung haben die Männer in Slowenien und in Ungarn. In den ältesten untersuchten Geburtsjahrgängen (1941/1942) dieser Länder hat sich die Erwerbslebenserwartung nur um 2,6 Jahre erhöht. Bei den Frauen kommt ebenfalls der älteste Jahrgang auf den niedrigsten Zuwachs. Dieser beträgt nur 0,9 Jahre. 

Obwohl sich die Geschlechterunterschiede im Laufe der Zeit verringert haben, sind sie in den meisten Ländern weiterhin groß, selbst bei den jüngsten Geburtskohorten. Die Erwerbstätigkeit von Frauen hat zwar in allen Ländern über alle Kohorten hinweg zugenommen. Frauen in Deutschland beispielsweise haben von der ersten Geburtskohorte (1935/1936) bis zu den letzten vollständig beobachteten Kohorten fast vier Jahre Erwerbslebenserwartung hinzugewonnen, was den Wandel von einem „frühen“ zu einem „späten“ Austrittsmodell widerspiegelt. Bereinigt man die Schätzungen jedoch um die tatsächliche Arbeitszeit, reduziert sich dieser Zuwachs auf etwa drei Jahre in Vollzeitäquivalent. Wie stark sich Teilzeitarbeit auf die absolute Erwerbslebenserwartung auswirkt, zeigt sich beispielsweise aktuell noch in der Schweiz: Deren absolute Erwerbslebenserwartung ist zwei Jahre niedriger als die unbereinigte Erwerbslebenserwartung. Frauen in Nordeuropa haben insgesamt den höchsten absoluten Wert in arbeitszeitbereinigter Erwerbslebenserwartung. Bei Frauen in Schweden und Estland ist sie am höchsten und liegt dort bei circa sechs Jahren Vollzeitäquivalent. 

Seine Ergebnisse ließen darauf schließen, dass die bisherigen Reformen zur Verlängerung des Erwerbslebens weitestgehend erfolgreich waren, so der Forscher. Um zu verhindern, dass dieser Trend bei den Babyboomern und den nachfolgenden Generationen ins Stocken gerät, sollten zukünftige politische Maßnahmen möglichen Hindernissen für ein längeres Erwerbsleben begegnen. Zu den möglichen Hindernissen gehören Krankheit, geringe Beschäftigungsfähigkeit, schlechte Arbeitsbedingungen und Altersdiskriminierung. Politische Maßnahmen sollten außerdem berücksichtigen, dass vor allem ältere Frauen viele Jahre an Erwerbslebensarbeitszeit dadurch verlieren, dass sie nicht am Arbeitsmarkt teilhaben.

 

Literatur

  • Einhoff, J.: Cohorts’ Working Life Expectancies and Working Years Lost in 21 European Countries. Demography (2026).
    DOI: 10.1215/00703370-12472371

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Aus Ausgabe 2026/2

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