Ob Mütter arbeiten und in welchem Umfang liegt meist weniger an individuellen Entscheidungen als vielmehr an sozialen Normen, politischen Rahmenbedingungen und institutioneller Unterstützung. In dieser Hinsicht hätten Ost- und Westdeutschland um das Jahr 1960 herum unterschiedlicher kaum sein können: Während in der BRD die Frauen fast ausschließlich für Haushalt und Familie zuständig waren und der Ehemann ihnen sogar qua Gesetz ein Beschäftigungsverhältnis verbieten konnte, war die Rolle der Hausfrau in der DDR verpönt und eine Beschäftigung sowohl von kinderlosen Frauen als auch von Müttern aufgrund des ökonomischen Drucks gleichsam obligatorisch.
Warum sich solche Rollen herausbilden und wie sich die Familienbilder in West und Ost von den 1940er Jahren bis heute entwickelt haben, untersucht eine neue Studie im European Sociological Review. Darin werten die Soziologen Christian Schmitt und Heike Trappe vom Lehrstuhl für Familiendemographie sowie Matthias Pollmann-Schult vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung Daten der Deutschen Lebensverlaufsstudie zur Beschäftigung von Frauen in ehelichen und nicht ehelichen Partnerschaften aus. Sie unterteilen darin acht Geburtenjahrgänge bzw. -jahrgangsgruppen von 1919 bis 1971.
Abb. 1: Während der Anteil der erwerbstätigen Mütter im Osten Deutschlands ab den Geburtenjahrgängen um 1950 herum abnimmt, nimmt er im Westen beständig zu. Trotzdem liegt die Erwerbstätigkeit der 1971 geborenen Mütter im Osten noch immer höher als im Westen. Quelle: Deutsche Lebensverlaufsstudie, eigene Berechnungen.
Demnach sind die Erwerbstätigenquoten für Mütter in Ostdeutschland von 1940 bis in unser Jahrtausend hinein durchgehend höher als im Westen (s. Abb. 1). Der Anteil der arbeitenden Mütter lag in der DDR fast durchgängig bei 65 bis 75 Prozent. Einen Höhepunkt erreichte sie in den 1960er Jahren, als den Frauen aufgrund von sinkenden Geburtenraten, Rückkehrgarantien für den Job und weitere noch heute fortschrittlich anmutende Erleichterungen zugesichert wurden. Im Westen dagegen herrschte zu dieser Zeit noch das „Goldene Zeitalter der Familie“ mit einer ganz klaren Verteilung der Rollen, die durch das Steuersystem und belohnt wurde. Erst allmählich näherte sich die Erwerbstätigenquote dem Ostniveau an. Vor allem in den 1970ern, als die Geburtenraten sanken und die Scheidungsraten stiegen, geriet das alte Familienbild in der BRD ins Wanken. Reformen im Familienrecht und in der -politik, die Emanzipationsbewegung und bessere Bildungschancen bestärkten Frauen nun immer mehr darin, einer eigenen Erwerbstätigkeit nachzugehen. Zwar arbeitete selbst in dem jüngsten Geburtsjahrgang (1971) mit knapp 50 Prozent gerade einmal die Hälfte der Mütter. Doch auch im Osten ging die Erwerbstätigenquote aufgrund der schwierigen Arbeitsmarktlage auf 58 Prozent zurück. Der Unterschied zwischen Ost und West lag damit bei lediglich acht Prozentpunkten.
Dass die lang anhaltenden unterschiedlichen Familienmodelle aber dennoch weiter fortwirken, zeigt sich bei einem Blick auf die Art des Beschäftigungsverhältnisses der Mütter. Gerade einmal 11,1 Prozent aller Mütter, das ist ungefähr jede fünfte beschäftigte Mutter, gehen im Westen einer Vollzeitarbeit nach. Im Osten sind es dagegen mit knapp 42 Prozent erheblich mehr.
Weitestgehend unangetastet von jeglichen Veränderungen und Entwicklungen blieb die Rolle der Väter: Die Aufgabe der Kindererziehung und der Haushaltsführung war sowohl im Osten als auch im Westen fast ausschließlich Aufgabe der Mütter. Das galt auch für die Vollzeit arbeitenden Frauen in der DDR.
Ob die jüngsten Reformen wie die Einführung des Elterngeldes oder auch die Änderungen des Unterhaltsrechtes daran etwas ändern können und sich ein echtes gleichberechtigtes Familienmodell entwickeln könnte, in dem beide Elternteile arbeiten und sich gemeinsam um Kinder und Haushalt kümmern, bleibt fraglich. Einerseits setzt das Steuersystem in Deutschland noch immer Anreize gegen eine doppelte Vollzeitarbeit. Andererseits lässt sich mit einem Teilzeitjob keine ausreichende Altersvorsorge erzielen.
Die jüngste Vergangenheit hat gezeigt, dass beide Eltern vor allem dann Vollzeit arbeiten, wenn sie gut gebildet sind. Dann werden Aufgaben im Haushalt und bei der Kindererziehung allerdings häufig an weniger privilegierte Frauen delegiert. Dies, so schlussfolgern die Autoren, könnte dann zwar den Unterschied zwischen den Geschlechtern mindern, soziale Unterschiede aber verstärken.
