Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB)

Lebenszufriedenheit in Zeiten multipler Krisen

2026 | Jahrgang 23 | 1. Quartal

Keywords: COVID-19, Hochfrequenz-Panel, Lebenszufriedenheit, Mehrfachkrise, Subjektives Wohlbefinden, Unsicherheiten

Wissenschaftliche Ansprechpartnerin: Lisa Kriechel

Wissenschaftlicher Ansprechpartner: Martin Bujard

2020 brachte die COVID-19-Pandemie das gesellschaftliche Leben zum Erliegen und zeigte, wie verletzlich unsere globalisierte Welt ist. Diese Krise bleibt im kollektiven Gedächtnis, doch sie war nicht die einzige. Seit Beginn der 2020er-Jahre reiht sich eine Krise an die nächste, oft überschneiden sie sich. Es gab zahlreiche klimawandelbedingte Extremwetterereignisse, wie beispielsweise die Flutkatastrophe im Ahrtal 2021, bei der über 180 Menschen starben. Anfang 2022 begann Russland seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine, der das Sicherheitsgefühl vieler in Europa erschütterte und Ängste vor weiteren Aggressionen schürte. Deutschland war außerdem stark von russischem Gas abhängig, was die Energiekrise verschärfte und die Verbraucherpreise in die Höhe trieb. Die Inflationsrate erreichte 2022 den höchsten Stand seit 50 Jahren. 

Diese multiplen Krisen erscheinen in ihrer kurzen zeitlichen Abfolge und Heftigkeit schwerwiegender als jene der vorhergehenden Jahrzehnte; insbesondere, weil sie mehrere Bereiche des Lebens betreffen und gleichzeitig auf gesundheitlicher, ökologischer, politisch-militärischer und wirtschaftlicher Ebene auftreten. Sie betreffen viele Menschen, ganze Länder, Regionen oder auch die ganze Welt. Sie sind deswegen anders zu bewerten als persönliche Krisen wie Trennung, Krankheit oder der Tod von Angehörigen. 

Die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie wurden umfassend untersucht, viele weitere Analysen laufen noch. Dabei wurde auch die Lebenszufriedenheit erforscht. Die Lebenszufriedenheit ist die subjektive Einschätzung, ob und in welchem Maß man mit den eigenen Lebensbedingungen zufrieden ist. Meist verglichen Studien jedoch nur die Zustände „vorher“ und „nachher“, also zum Beispiel vor und nach der COVID-19-Pandemie. Was die Lebenszufriedenheit angeht, ist das Ergebnis vieler Studien, wie erwartbar, dass sich die Pandemie negativ auswirkt. Die Folgen der sich rasch ablösenden und überlappenden Krisen blieben bei diesen Untersuchungen meist aber unberücksichtigt. Diese Lücke schließt nun ein Stück weit eine Untersuchung von Lisa Kriechel und Martin Bujard vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. Eine Herausforderung der Studie, die sie mit Kolleg*innen in der Fachzeitschrift „Social Indicators Research“ veröffentlicht haben, war die Datenlage: Diese Art von Analysen erfordert Langzeitdaten mit wiederholten Befragungen derselben Personen, was nur wenige Quellen bieten. Geeignet dafür ist das familiendemografische Panel FReDA, das Beziehungen und Familienleben in Deutschland untersucht. Es befragt bundesweit Tausende zufällig ausgewählte Menschen zwischen 18 und 55 Jahren sowie ihre Partner*innen in kurzen Abständen. Die Studie erfasst, wie Menschen in Deutschland leben, ihren Alltag organisieren und wie zufrieden sie sind. Um die Lebenszufriedenheit zu messen, wird den Teilnehmenden die Frage gestellt: „Wie zufrieden sind Sie gegenwärtig, alles in allem, mit Ihrem Leben?“ Dies sollen sie auf einer Skala von 0 „Überhaupt nicht zufrieden“ bis 10 „völlig zufrieden“ beantworten. 

Die Forschenden analysierten verschiedene Faktoren, die die Lebenszufriedenheit beeinflussen könnten, insbesondere das Haushaltseinkommen und die Haushaltszusammensetzung – also, mit wem und in welcher Konstellation jemand zusammenlebt. Finanzielle Schwierigkeiten und niedriges Einkommen stehen oft in Zusammenhang mit gesundheitlichen Problemen, weshalb das Einkommen ein zentraler Faktor ist. Auch die Haushaltszusammensetzung spielt eine erhebliche Rolle: Zum Beispiel erlebten Eltern während der Pandemie andere Belastungen als kinderlose Paare, während Alleinstehende vermutlich stärker unter der Inflation litten. 

Wie wirkt sich das Haushaltseinkommen auf die Lebenszufriedenheit aus?

Wie wirkt sich das Haushaltseinkommen auf die Lebenszufriedenheit aus?

Abb. 1: Die Lebenszufriedenheit ist keine konstante Größe, sondern verändert sich über den Zeitverlauf. Insbesondere Menschen mit einem geringen Einkommen sind wenig zufrieden mit ihrem Leben. Stark bemerkbar macht sich die Krise „Inflation“, von der diese Bevölkerungsgruppe vermutlich besonders betroffen ist. Die Punkte (+,×,∆) sind die Mittelwerte. Die Flächen zeigen die Varianz, also die 95-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass der Mittelwert in diesem Raum liegt (Varianz). Quelle: FReDA – Das familiendemografische Panel, Wellen 1R, 1A, 1B, 2A, 2B, eigene Berechnungen

Die Wissenschaftler*innen fanden heraus, dass Krisen die Lebenszufriedenheit beeinflussen, unabhängig von Geschlecht, Einkommen oder Haushaltskonstellation. Die Lockerungen der Corona-Maßnahmen wirkten sich positiv aus, die Inflation hingegen negativ. Partnerschaften erwiesen sich als stärkster Schutzfaktor für die Lebenszufriedenheit, während finanzielle Probleme sie deutlich minderten. Zwischen 2020 und Anfang 2023 schwankte die durchschnittliche Lebenszufriedenheit auf der Skala von 0 bis 10 monatlich zwischen 6,5 und 7,4 Punkten. Anfang 2023 lag sie bei etwa 6,8 und hatte damit das Niveau vor 2020, das damals bei 7,3 bis 7,5 lag, noch nicht wieder erreicht. Laut den Forscher*innen gelten durchschnittliche Unterschiede von 0,3 in der Literatur als erheblich. 

Um zu untersuchen, inwieweit sich die Form des Zusammenlebens beziehungsweise alleine zu leben auf die Lebenszufriedenheit auswirkt, teilten die Forschenden die Befragten in vier Haushaltstypen ein: Singles ohne Kinder, Singles mit Kindern, Paare mit Kindern und Paare ohne Kinder. Um das Haushaltseinkommen zu untersuchen, unterteilten sie die Befragten in drei gleich große Einkommensgruppen – von geringem Einkommen über mittleres Einkommen zu hohem Einkommen. 

Menschen, die mit einem Partner oder einer Partnerin zusammenleben, waren insgesamt zufriedener als Alleinstehende. Alleinerziehende wiesen meist die niedrigste Lebenszufriedenheit auf. Während der Pandemie stieg ihre Zufriedenheit zunächst und näherte sich der von Alleinstehenden an. Mit Beginn des russischen Angriffskriegs im Februar 2022 sank sie jedoch drastisch. Bis Ende des Jahres erholte sie sich wieder, was auf eine Stabilisierung des Wohlbefindens der Alleinerziehenden hindeutet. Am deutlichsten zeigte sich der Zusammenhang zwischen Einkommen und Lebenszufriedenheit. Das einkommensstärkste Drittel war durchweg am zufriedensten, während das einkommensschwächste Drittel die geringste Zufriedenheit aufwies. Dieser Unterschied blieb konstant, doch die Entwicklung verlief zeitweise unterschiedlich. Im Winter 2021 sank die Zufriedenheit der Wohlhabenden, während sie bei den Einkommensschwächeren stieg. Mit Beginn des Ukrainekriegs Anfang 2022 erlebte das unterste Einkommensdrittel jedoch einen stärkeren Rückgang als die anderen Gruppen. Ende 2022 erreichte die Zufriedenheit dieses Drittels einen historischen Tiefpunkt, vermutlich durch die steigenden Verbraucherpreise. 

Die Studie zeige, dass Lebenszufriedenheit keine konstante Größe sei, wie andere Untersuchungen nahelegen, so die Wissenschaftler*innen. Wenn sich negative Ereignisse häufen, drücken sie die Lebenszufriedenheit merklich. Insgesamt betrachtet habe allerdings die COVID-19-Pandemie einen deutlich negativeren Einfluss gehabt als der Ukrainekrieg, der Klimawandel oder die Inflation.

Literatur

  • Kriechel, L., M. Bujard and A. Hudde: The roller- coaster of subjective well-being in times of multiple crises: evidence of five waves of bi-annual panel data of FReDA survey. Social Indicators Research 180(2025)3, 1353–1385.
    DOI: 10.1007/s11205-025-03707-6

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Aus Ausgabe 2026/1

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