ISSN 1613-8856

Vienna Institute of Demography

Sozial isoliert

2026 | Jahrgang 23 | 1. Quartal

Keywords: Betreuungssysteme, Bevölkerungsalterung, Europäisch-vergleichende Studien, Familienrollen, Geschlechterungleichheit, Soziale Integration

Wissenschaftliche Ansprechpartnerin: Melanie Wagner

Der Mensch ist ein soziales Wesen und der Kontakt zu anderen fördert die körperliche und seelische Gesundheit. In einer alternden Gesellschaft müssen wir uns fragen, wie ältere Menschen gesund altern können und dabei spielen soziale Kontakte eine wichtige Rolle. „Soziale Integration“ ist hierbei das Schlüsselwort. Soziale Integration beschreibt, wie aktiv jemand in seinem Umfeld mitwirkt und sich zugehörig fühlt. Studien zeigen, dass Integration vor allem für die Gesundheit im Alter von entscheidender Bedeutung ist. Soziale Beziehungen und Integration verändern sich im Laufe des Lebens häufig. Lebensübergänge wie der Eintritt in den Ruhestand, nachlassende Gesundheit, der Verlust von Angehörigen und Veränderungen in der Familiendynamik können soziale Netzwerke umgestalten und potenziell sowohl Chancen als auch Herausforderungen für die Aufrechterhaltung der sozialen Integration schaffen.

Ungleich sozial eingebunden

Ungleich sozial eingebunden

Abb. 1: Wie stark Frauen und Männer sozial integriert sind, hängt stark damit zusammen, wie viel Verantwortung der Staat bei Pflege und Kinderbetreuung übernimmt. „Familialistisch“ ist ein Begriff aus der Soziologie und bedeutet, dass Familie als Leitform der Gesellschaft betrachtet wird. Quelle: SHARE Welle 9, eigene Berechnungen

 Die Forscherin Melanie Wagner von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften hat gemeinsam mit Kolleginnen untersucht, wie stark sich soziale Integration von Männern und Frauen in Europa unterscheidet und ob es eine Rolle spielt, wie stark der Staat sich bei Kinderbetreuung und Pflege engagiert. Für die Studie, die in der Fachzeitschrift „Social Indicators Research“ erschienen ist, nutzte sie Daten von rund 54.000 Interviews in 21 Ländern, die im Rahmen der „SHARE“-Befragung durchgeführt wurden (siehe Kasten). Das Thema ist komplex, besonders wenn man Geschlechterunterschiede und Alter berücksichtigt. Viele Studien zeigen, dass Frauen mehr Sozialkontakte haben als Männer. Doch die Zahl und Qualität dieser Kontakte verändern sich im Laufe des Lebens. Männer knüpfen im Berufsleben oft viele Kontakte zu Kolleg*innen. Frauen hingegen übernehmen häufiger Care-Arbeit. Diese Aufgaben können zwar die Bindung innerhalb der Familie stärken, sie können aber auch den Aufbau oder Erhalt von Kontakten außerhalb der Familie erschweren. Wer wie und wie viel mit diesen Aufgaben betraut ist, hängt ganz entscheidend vom Staat ab. In Wohlfahrtsstaaten, die Kinderbetreuung und Pflege unterstützen, sind Frauen oft besser sozial eingebunden. In Ländern, die auf familiäre Care-Arbeit setzen, können Frauen durch die Belastung ihre sozialen Kontakte weniger pflegen – ein Zusammenhang, der logisch erscheint, aber bisher kaum untersucht wurde. Um soziale Integration zu messen, berücksichtigte Wagner enge Beziehungen wie Partnerschaften und Freundschaften sowie weiter gefasste Kontakte, etwa Vereinsaktivitäten oder Ehrenämter. Die Länder teilte Wagner in vier Gruppen ein, wobei in jeder dieser Gruppen der Staat eine unterschiedlich starke Rolle in der Kinderbetreuung und der Altenpflege einnimmt. Die erste Gruppe umfasst Länder wie Dänemark und Schweden, wo der Staat Kinderbetreuung und Altenpflege stark fördert und Familien entlastet (nicht familialistisch, siehe Abb. 1). Am anderen Ende stehen Länder wie Griechenland, Italien und Polen, wo Familien die Hauptlast der Care-Arbeit tragen (familialistisch). Eine dritte Gruppe, zu der Deutschland und Österreich gehören, kombiniert hohe familiäre Verantwortung mit finanzieller Unterstützung (familialistisch und unterstützend). Die vierte Gruppe, zu der Frankreich, die Schweiz und die Niederlande gehören, ist heterogen: Hier übernehmen Familien entweder die Kinderbetreuung oder die Altenpflege (gemischt). 

Die Ergebnisse zeigen: Je stärker ein Land auf familiäre Care-Arbeit setzt, desto geringer ist die soziale Integration von Frauen über 50. In Österreich und Deutschland sind Frauen stärker an ihre familiäre Rolle gebunden und weniger  gesellschaftlich eingebunden als Männer. In den skandinavischen Ländern ist die Situation umgekehrt: Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind ähnlich groß, nur dass in diesen Ländern die Frauen integrierter sind als die Männer. Dort sei es üblicher, dass Kinder früh in den Kindergarten gehen und ältere Menschen professionell betreut werden, so die Wissenschaftlerin. Zwar könne die Studie keine kausalen Zusammenhänge belegen, doch die Rahmenbedingungen für Pflege- und Betreuungsarbeit scheinen eine Rolle zu spielen, erklärt Wagner. Verbesserungen für die Frauen könnten durch eine bessere Kinderbetreuung, flexiblere Arbeitszeiten und den Ausbau der formellen Altenpflege-Angebote erreicht werden. So könnten Frauen länger im Berufsleben bleiben, wo sie Netzwerke und Freundschaften aufbauen, oder sich anderweitig sozial engagieren, so die Forscherin.

Literatur

  • Levinsky, M., M. Wagner, A. Schmitz, E. Cohn-Schwartz and M. Brandt: Introducing the Social Integration Index for older Europeans: the role of gen- der and care regimes. Social Indicators Research 179(2025)2, 759–779.
    DOI: 10.1007/s11205-025-03635-5

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