ISSN 1613-8856

Vienna Institute of Demography

Geschlecht schlägt Kompetenz

2026 | Jahrgang 23 | 2. Quartal

Keywords: Berufliche Laufbahnen, Elternschaft, Elternzeit, Geschlechtsspezifische Ungleichheit, Kompetenzen, Lebensverlauf

Wissenschaftliche Ansprechpartnerin: Sonja Spitzer

Was passiert mit Karrieren, wenn das erste Kind kommt? Wie unterscheiden sich Erwerbsverläufe von Müttern und Vätern nach der Geburt? Und welche Rolle spielen dabei Kompetenzen? Umfassende Befunde zum Arbeitsmarktverhalten österreichischer Eltern rund um die Geburt des ersten Kindes liefern Forscherinnen des Vienna Institute of Demography der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. 

Die Analyse der Forscherinnen Claudia Reiter und Sonja Spitzer stützt sich auf eine neuartige Verknüpfung österreichischer Registerdaten, darunter Geburtenregister und tägliche Erwerbsverläufe, mit standardisierten Kompetenztests aus der OECD-Studie zur Messung grundlegender Kompetenzen von Erwachsenen (OECD Programme for the International Assessment of Adult Competencies, häufig auch „Pisa für Erwachsene“ genannt). Interessant an dieser Studie ist, dass für sie im Gegensatz zu anderen Untersuchungen Kompetenzen über individuelle Lese- und Rechenkompetenzen direkt gemessen wurden, anstatt Indikatoren wie formale Bildung, Löhne, Beruf oder Selbsteinschätzungen zu nutzen. Diese standardisierten, testbasierten Messungen erfassen zentrale kognitive Fähigkeiten, die für eine erfolgreiche Teilhabe am Arbeitsmarkt erforderlich sind. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal „Comparative Population Studies“ veröffentlicht. 

Wer bleibt zu Hause beim Kind?

Wer bleibt zu Hause beim Kind?

Abb. 1:  Die Grafik zeigt das Beschäftigungsmuster von Müttern und Vätern in den drei Jahren vor und den drei Jahren nach der Geburt des ersten Kindes. Quelle: OECD Programme for the International Assessment of Adult Competencies, Zentrales Personenstandsregister Österreich, eigene Berechnungen

Die Forscherinnen untersuchten, ob und wie Geschlecht und berufliche Kompetenzen sich auf die Länge der Zeit auswirken, die eine Person nach der Geburt bei dem Kind bleibt und nicht arbeiten geht. Die Forscherinnen stellten fest, dass Mütter durchschnittlich 416 Tage nach der ersten Geburt bezahlte Elternzeit (in Österreich „Elternkarenz“ genannt) in Anspruch nehmen, während Väter im Schnitt lediglich neun Tage zu Hause bleiben. Viele Mütter bleiben zudem über die Dauer der bezahlten Elternzeit hinaus zu Hause. Diese Unterschiede zwischen den Geschlechtern bestehen unabhängig davon, ob Eltern über hohe oder niedrige berufliche Kompetenz verfügen. Zwar kommen hoch qualifizierte Frauen etwas schneller in den Arbeitsmarkt zurück als geringer qualifizierte, doch auch für sie ist Elternschaft meist mit langen Erwerbsunterbrechungen und einem Wiedereinstieg in Teilzeit verbunden. Im Gegensatz zu den geringer qualifizierten Müttern nutzten sie häufiger sogenannte „Bildungskarenz“, ein österreichisches Modell, bei dem der Staat Menschen während einer Fortbildungszeit mit bis zu zwölf Monaten finanziell unterstützt hat. Für Väter hingegen bleibt der Übergang zur Elternschaft weitgehend ohne arbeitsmarktliche Konsequenzen. Kompetenzunterschiede spielen bei ihnen nur eine geringe Rolle und auch hoch qualifizierte Männer nehmen Elternkarenz nur selten in Anspruch. Die beobachteten Muster zeigen sich konsistent über verschiedene soziale Gruppen hinweg, unabhängig von Bildungsniveau, Migrationshintergrund oder Wohnort. 

Die Ergebnisse der Studie deuten darauf hin, dass Maßnahmen zur Steigerung der Erwerbsbeteiligung von Frauen – insbesondere von denjenigen mit hohen beruflichen Kompetenzen – auf strukturelle Hindernisse stoßen. Angesichts des demografischen Wandels und des zunehmenden Fachkräftemangels könnten ein verbesserter Zugang zu frühkindlicher Betreuung und eine ausgewogenere Verteilung der Elternzeit notwendig sein, um die geschlechtsspezifischen Unterschiede zu verringern und die vorhandenen Kompetenzen der Arbeitskräfte besser zu nutzen, so die Forscherinnen. Großzügige Regelungen der Elternzeit böten finanzielle Absicherung und Flexibilität, könnten aber zugleich traditionelle Arbeitsteilungen verfestigen.

Literatur

  • Reiter, C. and S. Spitzer: When gender trumps skills: employment trajectories of Austrian parents after their first birth. Comparative Population Studies (Section: Demographic Trends Around the Globe) 51(2026): 1–22 [Published online: 3 February 2026].
    DOI: 10.12765/CPoS-2026-01

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Aus Ausgabe 2026/2

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