In Europa kommen jedes Jahr etwa zwei bis drei Prozent der Kinder mit einer Behinderung zur Welt. Für Eltern hat das oft weitreichende Folgen. Der Betreuungsaufwand ist nicht selten höher. Eltern müssen deshalb oft ihre Arbeitszeit reduzieren und auf Karriereschritte verzichten. Sie brauchen Zeit für Therapien und medizinisch notwendige Maßnahmen. Zugleich müssen sie sich emotional in der neuen Situation zurechtfinden. Die unerwartete Geburt eines Kindes mit Behinderung oder die Feststellung einer Behinderung im frühen Kindesalter kann für Familien also einschneidende Folgen haben. Das beeinflusst auch die weitere Familienplanung, wie wissenschaftliche Studien gezeigt haben. So wurde etwa festgestellt, dass Eltern in den USA und in Dänemark mit einem Kind mit Behinderung eher kein weiteres Kind bekommen. In den USA entscheiden sich Mütter, die ein schwerbehindertes Kind zur Welt gebracht haben, zudem häufiger für eine Sterilisation. Andere Studien legen nahe, dass Eltern von Kindern mit bestimmten Behinderungen, etwa dem Downsyndrom oder Spina bifida, häufiger größere Familien haben. Das kann aber auch daran liegen, dass diese Eltern bereits mehrere Kinder haben. Die meisten dieser Studien betrachteten allerdings nur einen einzelnen Aspekt. Sie berücksichtigten nicht, dass die Bedingungen, unter denen Familien mit der neuen Situation klarkommen müssen, sehr unterschiedlich sind. Viele Faktoren können beeinflussen, ob sich Eltern nach der Geburt eines Kindes mit Behinderung für ein weiteres Kind entscheiden. Eine Rolle spielen zum Beispiel das Alter der Eltern, der Wohnort, die Einkommenssituation und die Frage, ob es bereits ältere Geschwister gibt.
Geburtenreihenfolge beeinflusst Entscheidung für weiteres Kind

Abb. 1: Ob und wann sich eine Familie nach der Geburt eines Kindes mit Behinderung für ein weiteres Kind entscheidet, hängt vor allem von der Geburtenfolge ab. Quelle: Caisse d’Allocations Familiales, eigene Berechnungen
Eva Beaujouan vom Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital hat deshalb mit einer Kollegin in einer neuen Studie versucht, diese Faktoren zusammenzuführen. Ziel war ein umfassenderes Bild der Gesamtsituation, in der sich die Familien befinden. Für die Untersuchung nutzte sie Daten aus Frankreich, und zwar Daten der französischen Familienkasse. Diese Daten enthalten Informationen über den Bezug und die Höhe der „Allocation d’Éducation de l’Enfant Handicapé“, einer Beihilfe für die Erziehung von Kindern mit Behinderung. Diese Leistung wird an Haushalte gezahlt, in denen ein Kind unter 20 Jahren lebt, bei dem eine Behinderung von mindestens 50 Prozent diagnostiziert wurde. Die Forscherin berücksichtigte für die Studie mehrere Faktoren und kombinierte sie: die Zahl der Kinder vor der Geburt des Kindes mit Behinderung, das Alter der Mutter, den Wohnort und die Einkommensverhältnisse. Sie kam zu dem Ergebnis, dass die Geburt eines Kindes mit Behinderung dazu führt, dass Eltern sich häufiger gegen ein weiteres Kind entscheiden. Am geringsten ist die Wahrscheinlichkeit für ein weiteres Kind, wenn das erste Kind eine Behinderung hat. Der Effekt fällt geringer aus, wenn das Kind mit Behinderung als zweites oder drittes Kind zur Welt kommt. Nach Ansicht der Forscherin könnte dieses Muster die besonderen psychologischen und organisatorischen Herausforderungen widerspiegeln, denen Eltern begegnen, die als erstes Kind ein Kind mit Behinderung bekommen. Sie müssen zugleich die neue Elternrolle und mit der Behinderung verbundene Betreuungsaufgaben bewältigen. Eltern, die bereits Kinder haben, fühlen sich bei einer Familienvergrößerung dagegen möglicherweise sicherer und besser unterstützt (siehe Abbildung 1). Mit dem Alter der Mutter sinkt die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Geburt: bei Müttern unter 22 Jahren um 20 Prozent, bei Müttern im Alter von 35 bis 37 Jahren um 65 Prozent (siehe Abbildung 2, weitere Berechnungen). Wenn Familien sich dennoch für ein weiteres Kind entschieden, kam dieses meist mit größerem zeitlichen Abstand zur Welt (siehe Abbildung 3). Der Abstand zwischen der Geburt eines Kindes mit Behinderung und einem späteren Geschwisterkind ist größer als der Abstand zwischen zwei Geschwistern ohne Behinderung. Er beträgt im Schnitt 4,5 Jahre, unabhängig von der Geburtenfolge und vom Alter der Mutter.
Wie wahrscheinlich ist es, dass sich eine Frau für ein weiteres Kind entscheidet?

Abb. 2: Es ist wahrscheinlicher, dass jüngere Frauen nach der Geburt eines Kindes mit Behinderung ein weiteres Kind bekommen. Allerdings ist es insgesamt unwahrscheinlicher, dass eine Mutter, die bereits ein behindertes Kind hat, ein weiteres bekommt. Quelle: Caisse d’Allocations Familiales, eigene Berechnungen
Was die Einkommenssituation angeht, zeigte sich in der Studie folgendes Bild: Das Haushaltseinkommen hat einen Einfluss – und zwar an beiden Enden des Einkommensspektrums. Sowohl die Familien, deren Haushaltseinkommen im unteren Viertel angesiedelt ist, als auch die Familien mit einem Haushaltseinkommen im oberen Viertel entscheiden sich seltener für ein weiteres Kind, nachdem sie ein Kind mit Behinderung bekommen haben. Eine Erklärung hierfür könnte sein, dass ein Kind mit Behinderung für die ärmeren Familien eine schwierige finanzielle Belastung darstellt. Für die wohlhabenden Familien könnten die höheren Opportunitätskosten, insbesondere der Karriereknick, ein Grund sein, sich gegen ein weiteres Kind zu entscheiden.
Welchen Einfluss hat das Alter auf den zeitlichen Abstand zum nächsten Kind?

Abb. 3: Der Abstand zwischen der ersten und der zweiten Geburt verkürzt sich mit zunehmendem Alter, außer wenn das Kind eine Behinderung hat. Wobei dieser Unterschied beim Übergang zum dritten Kind weniger ausgeprägt ist. Quelle: Caisse d’Allocations Familiales, eigene Berechnungen
Die Verzögerungen in der Geburtenfolge nach der Geburt eines Kindes mit Behinderung sind im ländlichen Raum und in Kleinstädten weniger stark ausgeprägt als in urbanen Zentren. Eigentlich könnte man annehmen, dass das Betreuungsangebot für Kinder im ländlichen Raum schlechter ist und Familien sich dort daher schwerer für ein weiteres Kind entscheiden. Hier scheinen aber andere Faktoren wichtiger zu sein, zum Beispiel informelle Netzwerke, die Familien mit Kindern mit Behinderung unterstützen. Eine Erklärung für die geringere Verzögerung der Geburtenfolge in mittelgroßen Städten könnte ein günstigeres Gleichgewicht zwischen der Nähe zu Betreuungsangeboten und einer besser zu bewältigenden Logistik sein. In sehr großen Städten können Familien trotz der höheren Dichte an Dienstleistungsangeboten dagegen mit logistischen Hürden konfrontiert sein, etwa mit langen Anfahrtswegen zu Betreuungseinrichtungen. Die Forscherin betont, dass ihre Studie keine kausalen Zusammenhänge herstellen kann. Sie zeigt lediglich Unterschiede beim Auftreten und beim Zeitpunkt nachfolgender Geburten zwischen Haushalten mit und ohne Kind mit Behinderung. Um diese Zusammenhänge nachweisen zu können, seien weitere Studien nötig. Nach Ansicht der Forscherin liefert die Studie aber Hinweise darauf, dass mittelgroße Städte und Haushalte mit mittlerem Einkommen das geeignetste Umfeld bieten, um nach der Diagnose einer Behinderung bei einem Kind weiteren Nachwuchs zu planen. Möglicherweise bieten diese Orte ein optimales Gleichgewicht aus Flexibilität, verfügbaren Unterstützungsangeboten und wirtschaftlicher Sicherheit bei der Erziehung eines Kindes mit Behinderung. Das könnte die weitere Familienplanung erleichtern. Gezielte politische Maßnahmen könnten Eltern behinderter Kinder dabei unterstützen, im Erwerbsleben zu bleiben und sich zugleich die Option auf weiteren Nachwuchs zu bewahren. Dazu zählen etwa ein besserer Zugang zu bezahlbarer Betreuung und zu spezialisierten Diensten in ländlichen wie in städtischen Gebieten, eine Ausweitung behinderungsspezifischer Elternzeitregelungen und die Förderung flexibler Arbeitsmodelle. Um genauer zu verstehen, welche Unterstützungsangebote Familien brauchen, damit sie nach einem Kind mit Behinderung den Wunsch nach weiteren Kindern umsetzen können, bedürfe es aber zusätzlicher Forschung, betont Eva Beaujouan.
