Die Zahl der Krankenhausaufenthalte in Deutschland stieg bis kurz vor der Corona-Pandemie stetig an. Zwischen 2005 und 2019 wuchs sie um 17 Prozent von 16,5 auf 19,4 Millionen pro Jahr – fast 3 Millionen mehr. Dies ist umso bemerkenswerter, als sich die Bevölkerungsgröße in Deutschland im untersuchten Zeitraum kaum änderte. Zwei Hauptgründe werden für diese Dynamik der Krankenhausfallzahlen genannt: die Alterung der Bevölkerung und wirtschaftliche Faktoren. Ältere Menschen müssen häufiger ins Krankenhaus, was zu einem höheren Bedarf an stationären Behandlungen führt. Zudem könnten wirtschaftliche Anreize eine Rolle spielen, etwa die Auslastung von Bettenkapazitäten und das Vergütungssystem, das Krankenhäuser dazu bewege, mehr Patient*innen aufzunehmen. Studien untersuchten das 2005 eingeführte DRG-System (Diagnosis Related Groups, diagnosebezogene Fallgruppen), das Kliniken sogenannte Fallpauschalen zahlt – feste Beträge pro Behandlungsfall. Einige Forschende kamen zu dem Schluss, dass nur 20 Prozent des Fallzahlenanstieges auf die Bevölkerungsalterung zurückzuführen seien. Die Fallpauschalen hätten Krankenhäusern Anreize gegeben, mehr Patient*innen zu behandeln, so ihre Schlussfolgerung.
Welcher Faktor beeinflusst Krankenhausfallzahlen stärker?

Abb. 1: Für die Studie hat die Wissenschaftlerin die Veränderung der Gesamthospitalisierungsrate in die beiden Faktoren „Alterung“ und „Hospitalisierungsrisiko“ aufgesplittet. Die Y-Achse zeigt die Veränderung der Krankenhausfälle pro 100.000 Einwohner*innen. In der grau unterlegten linken Spalte sind Veränderungen in der Periode 2005-2019 dargestellt. In den drei darauffolgenden Spalten wird unterschieden nach 2005-2014, 2014-2019 und 2019-2021. Man sieht, dass im Zeitraum 2014–2019, also schon vor der COVID-Pandemie, die Hospitalisierungsrisiken stark abgenommen haben. Quelle: DRG-Statistik und Human Mortality Database, eigene Berechnungen
Eine neue Studie vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung stellt diese Schlussfolgerung infrage und nimmt eine neue Perspektive ein. Man müsse differenzieren, ob der Anstieg der Fallzahlen auf die Alterung der Bevölkerung zurückzuführen sei oder auf den Anstieg des sogenannten „Hospitalisierungsrisikos“ – also darauf, wie oft Menschen im Durchschnitt pro Lebensjahr ins Krankenhaus müssen, so die Studienautorin Anna-Kathleen Piereth. Dieses Risiko kann sich in der gesamten Gesellschaft oder in bestimmten Altersgruppen verändern. Ein höheres Risiko bedeutet mehr Krankenhausaufenthalte pro Lebensjahr in einem bestimmten Alter, ein niedrigeres Risiko das Gegenteil. In einer Studie, die Anna-Kathleen Piereth mit zwei Kollegen in der Fachzeitschrift „BMC Public Health“ veröffentlichte, analysierte sie, wie stark die Alterung der Bevölkerung und die Veränderung des Hospitalisierungs-risikos den Anstieg der Krankenhausaufenthalte beeinflussen. Hierfür setzte sie Krankenhaus-fallzahlen ins Verhältnis zur Bevölkerungsgröße und berechnete somit die Gesamthospitalisierungsrate (GHR). Überraschend schwankte die GHR in drei Phasen: Von 2005 bis 2014 stieg sie stetig, sank danach leicht und fiel mit Beginn der Corona-Pandemie deutlich. Über den Zeitraum 2005 bis 2019 habe die Alterung der Bevölkerung 64 Prozent des Trends der GHR erklärt – deutlich mehr als frühere Studien ermittelten. Das Hospitalisierungsrisiko trug zu 36 Prozent bei. Bei Männern zeigte sich ein stärkerer Effekt der Altersstruktur als bei Frauen, was mit dem stärkeren Anstieg ihrer Lebenserwartung zwischen 2005 und 2019 übereinstimmt. Warum die GHR seit 2014 aufgrund sinkender Hospitalisierungsrisiken zurückgeht und auch nach der Pandemie niedriger bleibt als zuvor, sei jedoch unklar. Die Ergebnisse zeigen außerdem, dass stationäre Patient*innen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung durchschnittlich älter sind und einen größeren Anstieg des Durchschnittsalters über die Zeit erlebten. Die Studie unterstreicht, dass die Alterung der Bevölkerung die Zahl der Krankenhausaufenthalte stark beeinflusst. Denn diese nehmen vor allem in der zweiten Lebenshälfte zu und die bevölkerungsstarken Jahrgänge wie die „Babyboomer“ treten vermehrt in fort-geschrittene Altersstufen ein. Anna-Kathleen Piereth fordert, die Altersstruktur stärker in die regionale Kranken-hausplanung einzubeziehen. Derzeit orientiert sich diese vor allem an Bevölkerungsgröße, Fallzahlen, Verweildauer und Bettenauslastung und weniger an der Altersstruktur der Bevölkerung. Angesichts der großen Bedeutung der Alterung für die Nachfrage nach stationären Behandlungen empfiehlt die Wissenschaftlerin, sie künftig bei der Planung zu berücksichtigen.
