ISSN 1613-8856

Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital

Bildung fördert Gesundheit

2022 | Jahrgang 19 | 1. Quartal

Keywords: Gesundheit, Sterblichkeit, Bildung, Ungleichheit, Gesunde Lebensjahre, Europa

Autor der wissenschaftlichen Studie: Markus Sauerberg

Wie stark Bildung die gesunde Lebenszeit beeinflusst, zeigt unter anderem das Beispiel Ungarn: Während 30-jährige Männer mit niedrigem Bildungsabschluss dort im Schnitt noch gut 24 gesunde Lebensjahre erwarten dürfen, sind es für gleichaltrige Ungarn mit hohem Bildungsabschluss noch fast 40 Jahre. Damit liegt das Land bei den Bildungsdifferenzen zwar an der Spitze, aber auch in anderen Ländern klaffen die Werte für unterschiedliche Bildungsgruppen weit auseinander, wie Markus Sauerberg während seiner Arbeit am Wiener Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital zeigt. In seiner Studie im Fachmagazin „SSM - Population Health“ hat er diese Differenzen für 16 europäische Länder ermittelt und auch untersucht, inwieweit sich unterschiedlich große Anteile gering, mittel oder gut Gebildeter an der Gesamtbevölkerung auf die durchschnittliche gesunde Lebenszeit in den Ländern auswirken. 

Verbleibende gesunde Lebenszeit 30-Jähriger nach Bildungsniveau (Frauen/Männer)

Abb. 1: Die verbleibende gesunde Lebenszeit 30-jähriger Europäer*innen unterscheidet sich sehr stark, je nachdem in welchen Land sie wohnen und welches Bildungsniveau sie haben. Quelle: Eurostat, EU-SILC, eigene Berechnungen

Stützen kann sich der Demograf dabei auf Angaben zur Sterblichkeit nach Bildungsgruppen (ISCED) in der Datenbank Eurostat sowie auf die EU-Statistik zu Einkommen und Lebensbedingungen (EU-SILC), die auch Informationen zum Gesundheitsstatus erfasst. Als gesundes Lebensjahr gilt demnach jedes Jahr, in dem die Befragten angaben, in ihrem täglichen Leben nicht eingeschränkt zu sein. 

Die Datengrundlage, schreibt Markus Sauerberg, sei nicht ohne Schwächen und teilweise von sehr unterschiedlicher Qualität. So sind etwa die Befragungen zum Gesundheitsstatus in den europäischen Ländern unterschiedlich umgesetzt, die Fragen unterschiedlich übersetzt worden. Insofern liefert die Studie keine ganz präzisen und endgültigen Ergebnisse, kann aber interessante Schlaglichter auf den Zusammenhang von Bildung und gesunder Lebenszeit werfen. 

Insgesamt sind die Unterschiede zwischen den Bildungsgruppen bei den gesunden Lebensjahren demnach noch größer als bei der Lebenserwartung. Die Spanne reicht von knapp fünf Jahren in Rumänien bis zu über 15 Jahren in Ungarn. Gerade weil diese Werte so unterschiedlich sind, ist es für das Gesamtergebnis eines Landes von großer Bedeutung, wie groß die unterschiedlichen Bildungsgruppen sind. In Portugal etwa haben 71 Prozent der Männer einen niedrigen Bildungsabschluss, in Polen sind es lediglich 16 Prozent. Dadurch liegt die verbleibende gesunde Lebenszeit aller 30-jährigen polnischen Männer bei 33,4 Jahren. 30-jährigen Portugiesen dagegen bleibt im Schnitt ein gutes Jahr weniger. Das ist umso überraschender, weil die Werte für die einzelnen Bildungsgruppen in Portugal durchgehend höher sind. Verglichen mit polnischen Männern der gleichen Bildungsgruppe schneiden die Portugiesen also bei der verbleibenden gesunden Lebenszeit besser ab, nicht aber im Durchschnitt der Gesamtbevölkerung. Ähnliches gilt für Frauen in Bulgarien und Italien. Während Italienerinnen in allen Bildungsgruppen höhere oder ähnlich hohe Werte wie die Bulgarinnen haben, schneiden sie insgesamt gesehen schlechter ab, weil in Bulgarien der Anteil der Frauen mit niedrigem Bildungsabschluss nicht einmal halb so hoch ist wie in Italien. 

Für die Gesundheitspolitik eines Landes können solche Analysen wichtige Erkenntnisse bringen: So können einige Länder, wie etwa Portugal, die durchschnittliche gesunde Lebenszeit dadurch verlängern, dass sie die Bildung fördern und Bildungsungleichheiten abbauen. Andere Länder wie Polen sollten eher an einer Verbesserung des Gesundheitssystems oder der Ernährung arbeiten, also an den Grundvoraussetzungen für die Bevölkerungsgesundheit. Um besser vergleichen zu können, wie gut diese Voraussetzungen sind, hat Markus Sauerberg in einem weiteren Schritt den „Bildungseffekt“ in allen Ländern herausgerechnet. Wenn man für die Bildungsgruppen in allen Ländern eine Standardverteilung annimmt, die dem EU-Durchschnitt entspricht, verändern sich demnach in einigen Ländern die Werte deutlich. So hätten etwa die italienischen Frauen dann die zweit- statt die vierthöchste gesunde Lebenszeit unter den 16 untersuchten Ländern, und Portugal würde bei beiden Geschlechtern sogar um vier Plätze nach oben rutschen.

Literatur

  • Sauerberg, Markus: The impact of population’s educational composition on Healthy Life Years: an empirical illustration of 16 European countries. SSM - Population Health 15(2021)100857.
    DOI: 10.1016/j.ssmph.2021.100857

Aus Ausgabe 2022/1

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